Rape Plays, die man zuweilen auch im Zusammenhang mit Consensual Non-Consent (CNC) kennt oder sogar so bezeichnet, sind einvernehmliche sexuelle Rollenspiele, in denen scheinbar nicht-einvernehmliche Handlungen inszeniert werden. Diese Form von BDSM-Praktik polarisiert: Für manche ist sie Tabubruch und Ausdruck sexueller Selbstbestimmung, für andere eine gefährliche Verwischung von Grenzen zwischen Konsens und Gewalt. Und auch die feministische Debatte über Rape Plays reicht von radikaler Ablehnung bis zu sex-positiver Befürwortung. Wie gut, dass psychologische und soziologische Studien der letzten Jahre neue Erkenntnisse über Motive, Risiken und gesellschaftliche Auswirkungen geliefert haben. Hier die die wichtigsten Perspektiven und aktuellen Forschungsergebnisse.
Psychologische Grundlagen von Rape Plays: Fantasie, Konsens und Machtverhältnisse
Sexuelle Fantasien über Macht, Unterwerfung und erzwungene Szenarien sind weit verbreitet und keineswegs pathologisch. Studien wie etwa die von
Luo und Zhang (2018) zeigen, dass etwa die Hälfte aller Menschen Fantasien über Bondage, Dominanz und Submission hat. Neuere Untersuchungen belegen, dass BDSM-bezogene Fantasien häufiger sind, als gesellschaftlich angenommen wird.
Entscheidend ist die
klare Trennung von Fantasie und Realität. Die psychologische Forschung betont, dass Gewaltfantasien oder Rape-Play-Szenarien nicht zwangsläufig auf Traumata oder psychische Störungen zurückzuführen sind, sondern Ausdruck individueller Bedürfnisse sein können.
Konsens ist das zentrale Unterscheidungsmerkmal zwischen Rollenspiel und tatsächlicher Gewalt.
In der BDSM-Szene gelten Prinzipien wie
- „Safe, Sane and Consensual“ (SSC)
- oder „Risk-Aware Consensual Kink“ (RACK),
die auf Safewords, Vorgespräche und Nachsorge setzen. Studien aus Australien und den Niederlanden zeigen, dass BDSM-Praktizierende besonders viel
Wert auf Kommunikation legen und seltener mit Übergriffen oder psychischen Problemen in Verbindung gebracht werden als die Allgemeinbevölkerung.
Machtspiele dienen oft dazu, Stress abzubauen, Verantwortung abzugeben oder neue Aspekte der eigenen Sexualität zu entdecken. Neurowissenschaftliche Studien (s. wieder Luo und Zhang) deuten darauf hin, dass sich Beteiligte im Rape Play stärker auf die Rolle als auf das Ich konzentrieren, was Empathie und Perspektivübernahme fördern kann.
Entscheidend bleibt: Ohne expliziten Konsens ist jede Form von Machtspiel problematisch.
Feministische Perspektiven: Rape Play zwischen Empowerment und Kritik
Die feministische Auseinandersetzung mit Consensual Non-Consent und BDSM-Praktiken ist seit den
„Sex Wars“ der 1970er und 1980er Jahre kontrovers. Vertreterinnen des Radikalfeminismus wie Andrea Dworkin und Susan Griffin kritisieren Rape Plays als Reproduktion patriarchaler Gewaltverhältnisse.
Weibliche
Devotion könne demnach gesellschaftliche Machtasymmetrien spiegeln und internalisierte Unterdrückung fördern. Aus dieser Perspektive stellt
Rape Play eine gefährliche Verwischung der Grenze zwischen Gewalt und Lust dar und könnte zur Normalisierung sexueller Gewalt beitragen.
Demgegenüber stehen sex-positive Feministinnen wie
- Gayle Rubin,
- Patrick Califia
- und Clarisse Thorn,
die BDSM und Rape Plays als Ausdruck sexueller Selbstbestimmung und Vielfalt verteidigen. Sie argumentieren, dass gerade die Prinzipien von Konsens und Kommunikation traditionelle Geschlechterrollen infrage stellen oder subversiv umkehren können.
Neuere feministische Ansätze fordern intersektionale Perspektiven, die
queere und nicht-heteronormative Erfahrungen stärker einbeziehen. In lesbischen und queeren BDSM-Communitys werden Machtverhältnisse häufig neu verhandelt und Geschlechterrollen bewusst durchbrochen. Die feministische Debatte bleibt dadurch komplex: Während einige in Rape Plays eine Gefahr für die Gleichstellung sehen, interpretieren andere sie als legitime Form sexueller Selbstermächtigung.
Aktuelle Studien zu Consensual Non-Consent: Kommunikation, Grenzen und gesellschaftliche Dynamiken
Jüngste empirische Untersuchungen (2020–2025) bieten differenzierte Einblicke in die Praxis und Wahrnehmung von Rape Plays. Eine spanische Studie von
Moyana et al. (2025) mit 764 Frauen untersuchte das Zusammenspiel von internem Konsens (Gefühl von Sicherheit, Bereitschaft) und externem Konsens (verbale und nonverbale Zustimmung).
Ergebnis: Frauen, die einvernehmlichen Sex und CNC-Rollenspiele praktizierten, berichteten von höherem Sicherheitsgefühl und mehr Konsens als jene, die unfreiwillige Erfahrungen machten. Besonders in unbekannten Settings sank das Sicherheitsgefühl deutlich.
Weitere Forschung wie von
Barnhart et al. (2025) zeigt, dass traditionelle sexuelle Skripte und Erfahrungen mit sexueller Gewalt die Wahrscheinlichkeit erhöhen, auch ungewolltem Sex zuzustimmen. Umgekehrt verringern sexuelle Zufriedenheit und Selbstbewusstsein die Bereitschaft zu unerwünschten Handlungen.
Kritisch diskutiert wird das
„Yes means Yes“-Modell, das explizite Zustimmung fordert. Es soll Autonomie stärken, kann jedoch neue Unsicherheiten schaffen, da nicht alle Interaktionen verbalisiert werden. In der Praxis von CNC setzen Beteiligte auf
Studien unter Studierenden verdeutlichen, dass die Unterscheidung zwischen „Wollen“ und „Zustimmen“ zentral bleibt. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer erweiterten Aufklärung, die innere Motive ebenso wie externe Kommunikation berücksichtigt.
Gesellschaftliche Wahrnehmung von Rape Plays: Stigma, Popkultur und rechtliche Rahmenbedingungen
Trotz wachsender Akzeptanz bleibt die gesellschaftliche Wahrnehmung von Rape Plays und
BDSM ambivalent. Popkultur und Medienberichte – etwa
Fifty Shades of Grey – haben die Praktik einerseits popularisiert, gleichzeitig aber Vorurteile und Stigmatisierung verstärkt. Weibliche Devotion wird oft als Rückschritt für Gleichstellung interpretiert, während männliche Submission oder
weibliche Dominanz seltener thematisiert werden.
In Untersuchungen wie denen von Wismeijer und van Assen (2013) wurde jedoch deutlich,, dass die freie Auslebung sexueller Fantasien das psychische Wohlbefinden steigern kann und nicht mit erhöhter Kriminalität oder psychischen Störungen einhergeht.
Rechtlich hat sich in Europa vieles verändert:
- Mehrere Länder wie Schweden, Spanien und Dänemark haben consent-basierte Vergewaltigungsgesetze eingeführt, die auf expliziter Zustimmung beruhen und stereotype Geschlechterrollen in Gerichtsverfahren abbauen sollen. Die Umsetzung bleibt jedoch schwierig, insbesondere bei Rollenspielen, die bewusst mit der Grenze zwischen Konsens und Non-Konsens spielen. Kritiker warnen vor Grauzonen, da rechtliche Definitionen die Vielfalt sexueller Praktiken nicht vollständig abbilden.
- Intersektionale und queere Perspektiven fordern zudem, dass Debatten um Konsens und Macht nicht auf heteronormative, westliche Kontexte beschränkt bleiben. Die Berücksichtigung vielfältiger sexueller Identitäten und Erfahrungen ist notwendig, um Stigmatisierung abzubauen.
Letztlich zeigt die Forschung: Nicht die Praktik selbst ist entscheidend, sondern der Kontext von Konsens, Kommunikation und Reflexion.
Fazit: Feminismus und Rape Plays im Spannungsfeld von Konsens und Macht
Ob Rape Plays feministisch oder anti-feministisch sind, lässt sich nicht pauschal beantworten. Sie können empowernd und selbstbestimmt sein, wenn sie auf Konsens und Kommunikation beruhen – bergen aber Risiken, wenn Machtverhältnisse unreflektiert bleiben. Die feministische Debatte um
Consensual Non-Consent ist dadurch vielschichtig, offen und gesellschaftlich notwendig.