Sadismus ist der Gegenpart zum Masochismus. Zusammen mit Bondage und Disziplinierung bilden diese erotischen Vorlieben das BDSM (Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism = Bondage und Disziplinierung, Sadismus und Masochismus). Auch wenn es nicht immer zum Äußersten kommen muss, handelt es sich um extreme erotische Spielarten.
Woher kommt der Begriff Sadismus?
Der Begriff Sadismus geht auf Donatien Alphonse François de Sade, den Marquis de Sade (1740–1814), zurück.
Der französische Schriftsteller ist primär für seine provokanten literarischen Werke wie
Justine oder Vom Missgeschick der Tugend bekannt, in denen sexuelle Gewalt, Macht und extreme Formen der Lust eine zentrale Rolle spielen. Ausgehend von seinem Namen wurde der Begriff „Sadismus“ später für eine Neigung verwendet, bei der das Zufügen von Schmerzen oder das Ausüben von Macht und Kontrolle lustvoll erlebt werden kann.
Was ist erotischer Sadismus?
Erotischer Sadismus bezeichnet die sexuelle Auslebung sadistischer Vorlieben. Die sexuelle Erregung kann dabei beispielsweise mit
- dem Zufügen von Schmerzen,
- der Kontrolle über eine andere Person,
- körperlicher oder verbaler Dominanz oder
- deren Erniedrigung verbunden sein.
Wie sich diese Vorliebe konkret äußert, ist jedoch sehr unterschiedlich – was den einen Sadisten (unabhängig von seiner
sexuellen Identität oder Orientierung) massiv kickt, kann den anderen also völlig kalt lassen und umgekehrt.
Warum kann Sadismus sexuell erregend sein?
Für die sexuelle Erregung durch sadistische Praktiken gibt es nicht den einen Grund. Für manche Menschen liegt der Reiz in der Übernahme von Kontrolle und Macht. Andere empfinden die Intensität der Situation oder die besondere Vertrauensbeziehung als erregend. Auch die Reaktionen des Gegenübers können eine Rolle spielen. Manche Sadistinnen und Sadisten empfinden es als lustvoll, die
körperlichen oder emotionalen Reaktionen ihres Gegenübers wahrzunehmen.
Welche Aspekte als erregend gelten, ist daher, wie schon angesprochen, individuell verschieden. Eine sadistische Neigung muss deshalb nicht mit einem
bestimmten Rollenbild oder einer bestimmten Praktik verbunden sein.
Ist Sadismus eine psychische Störung?
Nein, Sadismus ist nicht automatisch eine psychische Störung.
Bei der
heutigen fachlichen Einordnung wird zwischen einvernehmlichen sadistischen beziehungsweise sadomasochistischen Praktiken und einer klinisch relevanten sexuellen sadistischen Störung unterschieden. Konsensuelle BDSM-Praktiken werden nicht allein deshalb als psychische Störung eingestuft, weil sie Schmerzen, Dominanz oder Erniedrigung beinhalten.
Eine andere Situation liegt vor, wenn sexuelle Erregung auf nicht einwilligende Personen und deren körperliches oder psychisches Leiden gerichtet ist und entsprechende Handlungen ausgeübt werden beziehungsweise erheblicher Leidensdruck oder eine relevante Beeinträchtigung vorliegt. Die ICD-11 führt hierfür die zwangsweise sexuell-sadistische Störung (Coercive Sexual Sadism Disorder) als eigene Diagnose. Sie grenzt diese von einvernehmlichem sexuellem Sadismus und Masochismus ab.
Was ist der Unterschied zwischen Sadismus und Masochismus?
Sadismus und
Masochismus beschreiben unterschiedliche Seiten einer möglichen sexuellen Dynamik.
- Sadismus bezeichnet die Lust daran, einer anderen Person Schmerzen zuzufügen, sie zu dominieren, zu kontrollieren oder zu erniedrigen.
- Masochismus bezeichnet dagegen die Lust daran, selbst Schmerzen, Unterwerfung oder Erniedrigung zu erleben.
Beide Vorlieben können gemeinsam auftreten und sind im BDSM eng miteinander verbunden. Sie müssen aber nicht bei derselben Person vorkommen. Manche Menschen bevorzugen eine dominante beziehungsweise sadistische Rolle, andere eine submissive beziehungsweise masochistische. Wieder andere wechseln
zwischen verschiedenen Rollen.
Sadismus und Masochismus passen im BDSM naturgemäß häufig gut zusammen, ein masochistischer Bottom ist dafür jedoch nicht zwingend erforderlich. Auch andere Bottoms wie
Brats,
Servants oder
Rope Models können sich auf sadistische Praktiken einlassen, ohne selbst masochistisch veranlagt zu sein. Entscheidend sind die individuellen Vorlieben, Grenzen und Vereinbarungen der Beteiligten.
Wie wird Sadismus im BDSM umgesetzt?
Sadistische Spielarten können unterschiedliche Aspekte miteinander verbinden. Im Mittelpunkt stehen beispielsweise:
Wichtig: So manche Praktik ist nicht an sich automatisch sadistisch; relevant wird sie erst, wenn das Erleben von Erniedrigung, Kontrolle, Ekel oder der Reaktion des Gegenübers den sadistischen Reiz bildet.
Wie kann man sadistische Praktiken sicher ausleben?
Vor einer BDSM-Session sollten die Beteiligten miteinander besprechen, welche Praktiken gewünscht sind, welche Grenzen bestehen und welche Handlungen ausgeschlossen werden. Dazu gehören insbesondere:
- klare Absprachen über gewünschte und unerwünschte Praktiken
- persönliche Grenzen und Tabus
- ein vereinbartes Safeword
- eine sichere Umgebung
- Aufmerksamkeit für die Reaktionen des Gegenübers
- die Möglichkeit, eine Praktik jederzeit abzubrechen
Ein Safeword dient als eindeutiges Signal zum Abbruch des Spiels. Es sollte jedoch nicht erst dann reagiert werden, wenn ein Safeword ausgesprochen wird. Auch deutliche Anzeichen von Überforderung, Verletzung oder gesundheitlichen Problemen sind Gründe, eine Praktik sofort zu beenden.
Bei Szenen, in denen eine Person nicht oder nur eingeschränkt sprechen kann, sollte außerdem ein nonverbales Stoppsignal vereinbart werden. Das kann beispielsweise ein bestimmtes Handzeichen oder das Fallenlassen eines zuvor vereinbarten Gegenstands sein. Wichtig ist, dass beide Beteiligten das Signal kennen und seine Bedeutung vor Beginn der Szene eindeutig festgelegt haben.
Bei riskanteren Praktiken sollten die Beteiligten außerdem vorher klären, welche besonderen Gefahren bestehen und wie diese möglichst vermieden werden können.
Einvernehmlichkeit macht eine potenziell gefährliche Praktik nämlich nicht automatisch risikofrei. Beim Impact Play sollten beispielsweise empfindliche Körperbereiche wie Nieren, Wirbelsäule und Hals ausgespart werden, da Schläge dort zu Verletzungen führen können.
Auch Intensität, verwendete Gegenstände und die körperliche Verfassung der Beteiligten spielen für die Risikoeinschätzung eine Rolle. Und nicht zuletzt sollte man auf den Konsum von Alkohol und anderen Substanzen verzichten, die das Reaktionsvermögen, die Wahrnehmung und das Treffen von eigenen Entscheidungen negativ beeinflussen können.
Diese Herangehensweise wird häufig unter dem Begriff Harm Reduction zusammengefasst.
Gemeint ist damit, mögliche Risiken einer Praktik zu kennen und durch geeignete Vorbereitung und Vorsichtsmaßnahmen zu reduzieren, anstatt davon auszugehen, dass BDSM grundsätzlich risikofrei sei.
Auch die Begriffe SSC („Safe, Sane, Consensual“), RACK („Risk-Aware Consensual Kink“) und PRICK („Personal Responsibility, Informed, Consensual Kink“) beschreiben unterschiedliche Ansätze für einen bewussten Umgang mit Risiken und Einvernehmlichkeit.
- SSC betont die sichere, vernünftige und einvernehmliche Gestaltung von BDSM-Praktiken.
- RACK stellt das Wissen um mögliche Risiken und die bewusste Zustimmung dazu in den Mittelpunkt.
- PRICK betont zusätzlich die persönliche Verantwortung der Beteiligten und die informierte Einwilligung.
Nach einer intensiveren BDSM-Szene kann außerdem
Aftercare sinnvoll sein. Damit ist die gemeinsame Zeit nach dem Spiel gemeint, in der die Beteiligten wieder aus ihren jeweiligen Rollen herausfinden und die Szene körperlich und emotional nachbereiten können. Dazu können beispielsweise Kuscheln, Wasser, Ruhe oder ein gemeinsames Gespräch gehören. Welche Form der Aftercare angenehm ist, unterscheidet sich von Person zu Person und sollte deshalb ebenfalls miteinander besprochen werden.
Wie viele Menschen sind sadistisch veranlagt?
Wie viele Menschen sadistische Neigungen haben, lässt sich nicht zuverlässig mit einer einzelnen Zahl angeben. Das liegt unter anderem daran, dass „Sadismus“ in Untersuchungen unterschiedlich definiert und abgefragt wird und zwischen sexuellen Vorlieben, BDSM-Praktiken und allgemeinen Persönlichkeitseigenschaften unterschieden werden muss. Eine konkrete Zahl für Deutschland lässt sich deshalb nicht seriös aus den vorhandenen Angaben ableiten.
Sadismus in Pornos, beim Camsex und in Sexgeschichten
Sadistische und BDSM-orientierte Inhalte sind auch
in Pornos und beim Camsex zu finden. Dabei können beispielsweise dominante Rollen, Fesselspiele, Spanking oder andere Formen von Impact Play im Mittelpunkt stehen. Je nach Format kann dabei entweder die konkrete Praktik oder das Machtverhältnis zwischen den beteiligten Personen den eigentlichen Reiz ausmachen.
Pornografische Darstellungen sollten aber
nicht automatisch als Anleitung für reale BDSM-Szenen verstanden werden, denn welche Grenzen, Absprachen und Sicherheitsmaßnahmen hinter einer Szene stehen, ist von außen nicht immer erkennbar. Wer sadistische Praktiken selbst ausprobieren möchte, sollte sich daher nicht allein an pornografischen Darstellungen orientieren, sondern sich vorher mit Grenzen, Einvernehmlichkeit und möglichen Risiken auseinandersetzen.
Im Gegensatz dazu können Zuschauerinnen und Zuschauer beim Camsex erleben, wie eine dominante oder sadistische Rolle
unmittelbar umgesetzt und mit den Reaktionen des Gegenübers verbunden wird.Doch auch hier dürfen Rücksprachen nicht fehlen und seriöse Anbieter werden immer darauf achten, dass diese auch ausreichende Berücksichtigung finden. Apropos Berücksichtigung …
Auch
in erotischen Geschichten kann Sadismus ein Motiv sein. Anders als in visuellen Medien können Sexgeschichten stärker über die Gedanken, Gefühle und Machtverhältnisse der Figuren vermitteln, warum eine dominante oder sadistische Dynamik als erotisch erlebt wird. Gerade die Perspektive der Figuren kann dabei eine wichtige Rolle spielen: Eine Geschichte kann beispielsweise die Spannung zwischen
- Kontrolle,
- Ausgeliefertsein,
- Vertrauen und
- Grenzerfahrung
in den Mittelpunkt stellen, ohne dass diese Dynamik außerhalb der Fantasie tatsächlich gewünscht sein muss. Entscheidend ist deshalb auch hier die Unterscheidung zwischen dem
kreativen Kopfkino und den realen sexuellen Vorlieben, bei beide nicht nicht vollständig übereinstimmen müssen.