Dominanz- und Submissionsvorlieben entstehen nicht ausschließlich durch Erziehung oder angeborene Dispositionen. Vielmehr betrachtet sie die Sexualforschung als Ergebnis eines dynamischen biopsychosozialen Zusammenspiels. Dabei greifen genetische Faktoren, neurobiologische Prozesse, Persönlichkeitsmerkmale, individuelle Lernerfahrungen und kulturelle Kontexte ineinander, um sexuelle Präferenzen über die gesamte Lebensspanne zu prägen. Man kann also sagen, dass erotische Macht, Kontrolle und Hingabe durch das Zusammenspiel von Körper, Psyche und sozialem Umfeld entstehen. Gleichzeitig zeigt einvernehmliches BDSM keine pathologischen Besonderheiten, sondern repräsentiert eine normale Variation menschlicher Sexualität. Klingt alles kompliziert? Vielleicht, aber wir können uns ja gemeinsam ansehen, wie die verschiedenen Faktoren zur Entwicklung der BDSM-Vorlieben beitragen.
Lust auf Kontrolle – oder Hingabe?
Ob wir lieber führen oder uns hingeben, ist für viele Menschen tief verwurzelt. Manche spüren diese Neigung „schon immer“, andere entdecken sie erst in bestimmten Beziehungen oder Lebensphasen.
Nur: Wie kommt es überhaupt dazu? Ist es angeboren, oder entwickelt sich das Interesse an BDSM, Dominanz oder Devotion erst im Laufe des Lebens?
Eigentlich simple Fragen – doch die wissenschaftlichen Antworten auf den Ursprung dieses erotischen Kicks sind alles andere als einfach.
Aber fangen wir für einen Moment eher vorher an, bei der Frage, wie sehr sich Menschen für dieses sexy Faible begeistern können. Und dabei zeigte sich beispielsweise in der
YouGov-Untersuchung von 2015, dass
- ein erheblicher Teil der Bevölkerung von Fantasien mit Dominanz- oder Submissionsanteilen berichtet
- und ein kleinerer, aber relevanter Anteil von knapp 10 % bereits 2015 entsprechende praktische Erfahrungen gemacht hatte.
Und es ist davon auszugehen, dass die Zahl inzwischen eher gestiegen ist. Nicht zu vergessen, dass sich BDSM-Interessen in unterschiedlichen Alters-, Bildungs- und Geschlechtergruppen finden lassen. Manche Studien berichten zudem von einer erhöhten Sichtbarkeit in jüngeren und queeren Bevölkerungsgruppen. Das kann jedoch auch mit Offenheit, inzwischen gewachsenen
Community-Strukturen wie bei Fetisch.de sowie der breiteren Nutzung digitaler Angebote zusammenhängen.
Außerdem vermuten einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Rahmen evolutionspsychologischer Ansätze auch, dass Dominanz- und Statusdynamiken in der menschlichen Geschichte
reproduktive Vorteile gehabt haben könnten. In der Tat bieten solche Modelle mögliche Erklärungen dafür, warum Macht und Unterordnung emotional stark aufgeladen sein können. Allerdings bleiben sie oft eher theoretisch und lassen keine direkten Rückschlüsse auf individuelle Vorlieben zu. Doch es gibt noch mehr Aspekte, die es zu untersuchen gilt …
BDSM und Biologie: Wie Gene, Hormone und Gehirn unsere Rollen beeinflussen
Zunächst einmal haben
Zwillings- und genetische Studien zu sexuellen Merkmalen gezeigt, dass biologische Faktoren einen moderaten Beitrag zu individuellen Unterschieden leisten können. Trotzdem muss man festhalten, dass für spezifische BDSM-Rollen wie Top oder Bottom keine klar bezifferbaren Erblichkeitsraten existieren. Stattdessen deuten die bisherigen Forschungsergebnisse eher darauf hin, dass viele genetische Einflüsse indirekt wirken – etwa über Temperament, Impulsivität oder Sensationssuche.
Es gibt also weder ein einzelnes „BDSM-Gen“ noch eine genetische Determination einer bestimmten Rolle.
Was jedoch unbestritten ist? Sexuelle Erregung und
Macht- bzw. Hingabedynamiken aktivieren Hirnareale, die an Motivation, Belohnung und sozialer Bewertung beteiligt sind – darunter unter anderem Hypothalamus, limbische Strukturen und präfrontale Regionen. Parallel dazu können Hormone wie Testosteron oder Cortisol beeinflussen, wie intensiv
- Status,
- Wettbewerb,
- Stress
- oder Kontrolle
erlebt werden. Das ist auch im Zusammenhang mit
BDSM-Interaktionen insofern interessant, als auch hierbei Studien gezeigt haben, dass die Interaktionen messbare hormonelle Veränderungen auslösen können. Doch selbst diese Befunde belegen keine angeborene „Festlegung“ einer Rolle. Vielmehr zeigen sie, dass der Körper auf
Vertrauensdynamiken reagiert und sie verstärken kann. Stichwort Verstärkung …
BDSM-Vorlieben entwickeln: Wie Erfahrungen und Lernvorgänge Dominanz und Submission formen
Sexuelle Präferenzen entwickeln sich über die Lebensspanne. Dabei spielen Lernprozesse eine wichtige Rolle. Denn nur, wenn intensive emotionale oder körperliche Reaktionen mit bestimmten Dynamiken (z. B. Kontrolle, Ritual, Hingabe) verknüpft werden, können stabile Vorlieben entstehen. (Was übrigens auch für
sadomasochistische Erotikfacetten gilt.)
Das bedeutet nicht, dass jede Präferenz „anerzogen“ wurde. Trotzdem können Erfahrungen bestehende Dispositionen verstärken oder ausformen.
Und so sind die Berichte von einer frühen Sensibilität für Macht- oder Hingabedynamiken und die spätere Entdeckung dieser Aspekte nichts, was einander ausschließen würde. Stattdessen sind beide Verläufe mit den vorhandenen Befunden vereinbar und zeigen gewissermaßen zwei Seiten einer Medaille. Ein Ergebnis, das eng mit dem folgenden Punkt verknüpft ist …
BDSM, Persönlichkeit und Bindung: So prägen Charakter und Beziehungsvorlieben die späteren Rollen
- die Offenheit für neue Erfahrungen,
- Extraversion
- sowie die Sensationssuche (besser bekannt unter dem englischen Begriff „sensation seeking“).
Diese Zusammenhänge sind jedoch statistisch moderat und beschreiben Tendenzen, also keine festen Profile. Denn genauso wenig wie das „BDSM-Gen“ gibt es ein einheitliches „BDSM-Persönlichkeitsmuster“.
Zudem legen einige Untersuchungen nahe, dass Bindungsstile mit Rollenpräferenzen zusammenhängen können. Jedoch sind auch diese Effekte uneinheitlich und nicht deterministisch. Schließlich ist das Erleben von dominanten und submissiven Dynamiken nicht an die Frage geknüpft, ob die Beteiligten sicher oder unsicher gebunden sind. Oder mit anderen Worten: BDSM ist nicht auf bestimmte Bindungstypen beschränkt.
Und noch eine andere Sache ist wichtig: Sexuelle Präferenzen sind oft relativ stabil, können sich jedoch im Laufe des Lebens verändern.
- Ein Teil der Menschen bevorzugt klar eine dominante oder submissive Rolle.
- Andere erleben sich als „Switch“ und genießen beide Positionen – abhängig von Beziehungskontext oder Lebensphase.
Stabilität ist somit nicht mit Unveränderlichkeit gleichzusetzen. Bleibt aber immer noch eine Frage offen …
Trauma oder Störung – was sagt die Forschung dazu?
Die verbreitete Annahme, BDSM sei typischerweise Folge von Kindheitstraumata, wird durch die aktuelle Datenlage
nicht gestützt. Vergleichsstudien zeigen keine generell erhöhte Psychopathologie bei BDSM-Praktizierenden. Im Gegenteil, berichten viele von ihnen doch über hohe Kommunikationsfähigkeit,
klare Konsensnormen und positive Beziehungserfahrungen.
Passend dazu gilt einvernehmliches BDSM nach aktuellen internationalen Diagnosemanualen auch nicht mehr als psychische Störung.
Pathologisiert werden ausschließlich nicht einvernehmliche oder mit erheblichem Leidensdruck verbundene Verhaltensweisen. Die wissenschaftliche Literatur beschreibt BDSM heute dementsprechend überwiegend als eine normale Variante menschlicher Sexualität. Das sollten wir feiern!
Fazit?
Die beste Antwort auf die Frage „angeboren oder erlernt?“ lautet: Beides – und noch mehr. Denn Dominanz- und Submissionspräferenzen entstehen aus dem Zusammenspiel von
Und wie erlebt ihr BDSM?
BDSM eröffnet Macht, Hingabe und Intimität auf ganz unterschiedliche Weise – jeder erlebt diese Dynamiken anders.
- Wann habt ihr eure Neigung zur Dominanz oder Submission entdeckt?
- Wie wichtig ist euch Kommunikation und Vertrauen bei BDSM?
- Habt ihr schon Rollen als dominant, submissiv oder Switch ausprobiert?
- Welche Rituale, Safewords oder Strategien haben eure Erfahrungen sicher und erfüllend gemacht?
Teilt eure Geschichten, Tipps und Erkenntnisse mit uns und anderen Lexisex-Fans, damit wir gemeinsam
die Vielfalt von BDSM besser verstehen und voneinander lernen können.